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Martha Cooper: Ein Graffiti-Interview

martha cooper - subway art

„Subway Art“ – Henry Chalfant, Jon Naar, Regina Stewart, Martha Cooper

»Martha Cooper ist nicht zu stoppen. Ihr Vater schenkt ihr eine Kamera, als sie noch ein Kleinkind ist, und seitdem sieht sie die Welt durch die Linse. Ihr Bildband „Subway Art“ machte vor 25 Jahren eine damals noch unbekannte Protestkunst aus New York namens „Graffiti“ weltberühmt. Inzwischen ist die energiegeladene kleine Frau über sechzig, aber umtriebiger als je zuvor. Ich treffe sie in ihrem weitläufigen, verwinkelten Apartment mit Blick auf den Hudson River. Schon als sie die Wohnungstür öffnet, beginnt sie ungeduldig mit dem Interview – auf ihre Art und Weise.«

So beginnt das Interview mit der ersten Graffiti-FotogtrafInnen Martha Cooper, welches die ZDF New York Mitarbeiterin Jennifer Rotter im letzten Monat mit ihr führte. Uns hat sie nun die Möglichkeit gegeben dieses Interview, das kurz nach der Veröffentlichung der Jubiläums-Ausgabe von Marthas Erfolgs-Graffiti-Buches „Subway Art“ zu veröffentlichen.

Martha Cooper: Hi. Du bist also aus Berlin?
Ja.

MC: Dann muss ich Dir was zeigen Komm rein. Kleinen Moment (verschwindet in einem anderen Zimmer und kommt mit einem Stapel voller Fotoalben wieder). Hier sind viele Sticker dabei, die ich auf meinen Reisen nach Berlin gefunden habe. Was Poststicker angeht, ist die Stadt ziemlich spannend.

Die sind mir noch nicht groß aufgefallen.
MC: Siehst Du. Genau deswegen interessieren sie mich. Sie sind überall, und das schon seit Jahren, aber für die meisten sind sie praktisch unsichtbar. Dabei muss man nur genauer hinschauen. Aufmerksam sein.

Was sagen eigentlich die Künstler dazu, wenn Du durch die Straßen läufst und ihre Sticker entfernst?
MC: (lacht) Die gehen nie ohne Stift und Sticker aus dem Haus, ich nie ohne Lösungsmittel. Ich fühle mich einfach dazu berufen, sie zu sammeln. Bisher hat sich noch niemand beschwert. Ein Freund von mir sagt, er möchte eigentlich, dass seine Arbeiten so lange wie möglich draußen bleiben und erst mit der Zeit verschwinden, aber wenn sich jemand solche Mühe macht wie ich, sei das ok. Außerdem passe ich auf, sie nicht zu zerstören. Ich bin sehr vorsichtig.

In Deiner Wohnung hast Du zahllose Aktenschränke voller Fotos, Du sammelst Werbeschilder, Kinderkameras, Bücher, Sticker. Gibt es etwas, das Dich nicht interessiert?
MC: Nein. Ich habe so viele Fotografien in so vielen Kategorien, vielleicht kriege ich die eines Tages mal geordnet und veröffentlicht. Vielleicht sterbe ich aber auch und jemand schmeißt sie weg, wenn er meine Wohnung entrümpelt. Ich weiß es nicht. Ich bin einfach eine Sammlerin. Ich sammle alles. Ich habe sogar die Absagen von den Verlagen gesammelt. Willst Du sie sehen? Ich hab sie noch irgendwo.

Die Absagen?
MC: Ja. Die Absagen, die Henry und ich auf das „Subway Art“-Angebot bekommen haben. Ich habe sie alle abgeschrieben, es gab ja noch keine Computer oder Scanner. In einem kleinen Schulheft. Ehrlich gesagt ist es ein ziemlich großes Schulheft.

going postal von martha cooper

Martha Coopers Going Postal – Cover

Das Problem hast Du inzwischen nicht mehr. Gerade hast Du ein Buch über „Postal Sticker“ herausgebracht und eine Sticker-Ausstellung organisiert, die ziemlich erfolgreich war.
MC: Ja. Irre, oder? Sticker sind in jeder Straße zu finden, und dann kommen die Leute in Scharen zu dieser Ausstellung. Graffitikünstler haben in den 80er Jahren damit angefangen, auf solchen Stickern zu taggen, die Streetartkünstler haben es ihnen nachgemacht. Inzwischen sind Postal Stickers eine interessante Verbindung zwischen beiden. 2002 habe ich meine erste Digitalkamera gekauft, die war ideal fürs Stickerfotografieren, klein und leicht. „Going Postal“ ist im Grunde aus einem künstlerischen Gesichtspunkt uninteressant. Eigentlich sind das nur Fotos von Stickern, die könnte jeder machen. Aber wie gesagt: Es schaut eben niemand genau hin.

Graffiti und Post-Sticker sind beide nicht sehr langlebig. Sie werden entfernt, übermalt oder vom Wetter zerstört. Was fasziniert Dich so an vergänglicher Straßenkunst?
MC: Keine Ahnung. Ich bin nicht gut im Analysieren von Gründen. Ich interessiere mich einfach für Folklore und städtisches Brauchtum. Ich funktioniere wie eine Art „Folklore-Geigerzähler“, der bei manchen Dingen, die ich sehe, einfach ausschlägt. Das Neue, Unbekannte reizt mich. Ich habe das mit einem Kollegen zusammen so formuliert: Wenn wir von etwas drei Exemplare finden, haben wir ein Phänomen.

So wie Graffiti damals. Hast Du geahnt, dass das eine globale Bewegung werden könnte?
MC: Nein, niemals. Ich dachte, was ich fotografiere, verschwindet bald wieder. Deshalb habe ich es ja überhaupt fotografiert: Um eine Erinnerung daran zu haben. Ich dachte, so etwas wäre nur in New York möglich, das Resultat einer Stadt außer Kontrolle. Heute gibt es Graffiti in Ländern wie Schweden, das muss man sich mal vorstellen. Ich habe einen ganzen Stapel schwedischer Graffiti-Magazinen voller bemalter Züge.
Hier in New York dagegen werden kaum noch Züge besprüht. Oder anders gesagt: Die werden heute unheimlich schnell gereinigt. Ist das nicht Ironie des Schicksals? An der Geburtsstätte des Graffiti bleiben die Züge sauber, dafür wandert das Phänomen um die ganze Welt.

Was faszinierte Dich so an Graffiti?
MC: Dass es eine geheime, illegale Kunstform war, die Erwachsene nicht verstanden haben.

Inzwischen ist Dein Buch Legende, jetzt gibt diese sehr schicke Jubiläumsausgabe.
MC: Mit der bin ich sehr glücklich, denn sie ist ganz anders als die Erstausgabe. Nach der Erstveröffentlichung von „Subway Art“ hätte ich vieles gern anders gemacht. Jetzt hatte ich die Gelegenheit dazu.

Was meinst Du zum Beispiel?
MC: Damals lag der Fokus noch darauf, zu erklären, was Graffiti überhaupt ist und wie es hergestellt wird. Diese Neuauflage konzentriert sich auf die Fotografie als solche. Wir konnten viel von den erklärenden Textpassagen rausnehmen, denn damals wussten die Leute nicht einmal, dass diese bunten Schnörkel Schriftzüge sein sollen. Heute ist das Wissen über Graffiti in die Alltagskultur eingegangen.

Außerdem konnten wir die Bilder digital nachbearbeiten, was die Qualität der Bilder enorm erhöht. Henry hat zum Beispiel immer Serienaufnahmen von vorbeifahrenden Zügen gemacht und dann an den Schnittstellen zusammen geklebt. In den originalen Abzügen sieht man das, dank der digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten nicht mehr. Dazu kommt: Wir konnten die Bilder vergrößern, dadurch bekommt man auf vielen von ihnen jetzt überhaupt zum ersten Mal die Atmosphäre mit.

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Diskussion
7 Kommentare zu “Martha Cooper: Ein Graffiti-Interview”
  1. [...] Martha Cooper: Ein Graffiti-Interview Tags: Graffiti, Interview, MarthaCooper, Sticker [...]

    Geschrieben von Martha Cooper Interview über Sticker und Graffiti | Nerdcore | March 16, 2009, 18:35
  2. Hab mir mal die Freiheit genommen und auf Euch zu verweisen :)

    Geschrieben von Gassenhauer | March 16, 2009, 20:58
  3. [...] ich noch öfter im Zusammenhang mit dieser Person). Auf dem Streetart Berlin Blog gibt es jetzt ein Interview, das die ZDF New York Mitarbeiterin Jennifer Rotter im letzten Monat mit ihr [...]

    Geschrieben von xFUCKERx - hotzen’s daily crap» Blogarchiv » Interview mit Martha Cooper | March 16, 2009, 21:54
  4. [...] kurzem haben wir ein sehr ausführliches Interview mit Star-Graffiti-Fotografin Martha Cooper veröffentlicht, das aufgrund seiner länge nicht Jedem oder Jeder, der/ die kurz mal eben einige [...]

    Geschrieben von Martha Cooper Video Interview » Streetart Berlin Blog | March 17, 2009, 17:31
  5. [...] zu den ersten weiblichen SprüherInnen. Ihr Erfolg brachte ihr wenige Jahre später einen Platz in Martha Coopers „Hip Hop Files“ und dem „Wild Style“-Film [...]

    Geschrieben von Lady Pink: „Es ist meine Pflicht, Kunst zu machen“ » Streetart Berlin Blog | March 31, 2009, 08:42
  6. YEAH! Back to the Roots. Die Mutter der LiveActionFotos. haha:

    Die gehen nie ohne Stift und Sticker aus dem Haus, ich nie ohne Lösungsmittel.

    Danke für das Interview!

    Geschrieben von Malte | April 29, 2009, 02:02
  7. Hab Martha Cooper am Donnerstag zufällig in London getroffen, wo die Jubiläumsausgabe zu Subway Art Premiere feierte – http://jacquesinlondon.wordpress.com/2009/06/27/martha-cooper/

    lg

    J

    Geschrieben von Jacques in London | June 27, 2009, 20:15

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