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Alan Ket – „Sich auszudrücken ist ein menschliches Grundbedürfnis“

Fortsetzung des Alan Ket Interviews…

ket graffiti in saopaulo

KET in Sao Paulo, Brasil, 2008, by soyunloco

Trotzdem bist Du bekannt dafür, illegales Graffiti zu verteidigen.
AK: Das stimmt. Ich verteidige illegales Graffiti, weil ich glaube, dass diejenigen, die es machen, zu hart dafür bestraft werden.

Warum?
AK: Ganz einfach. Junge Leute werden ins Gefängnis gesteckt. Sie sind Künstler, und außerdem sind sie Mitglieder dieser Gesellschaft.

…die offenbar will, dass illegales Graffiti bestraft wird.
AK: Das ist nicht der Wille der Gesellschaft. Die Gesellschaft will junge Menschen nicht ins Gefängnis stecken. Es ist die Polizei, die dadurch gut aussehen will.

Was meinst Du damit?
AK: Das System hat sich Gesetze geschaffen, die es gut aussehen lassen. Die (New Yorker) Bürgermeister Bloomberg und Giuliani haben sich zum Beispiel als harte Kämpfer gegen das Verbrechen dargestellt. Aber was bedeutet das eigentlich, wenn sie ein „Verbrechen“ bekämpfen, das sie sich selbst erst als „Verbrechen“ ausgedacht haben? Sich auszudrücken ist ein menschliches Grundbedürfnis. An der Wurzel des Ganzen steht doch, dass junge Menschen gelangweilt sind. Es gibt keine nichtkommerziellen Orte für sie, an denen sie sich einfach treffen könnten. Es gibt zu wenige Kunst-Programme, es gibt zu wenige Basketballplätze, es gibt zu wenig Community Center. Die Schule endet um zwei und ist während der Sommerferien geschlossen, die Eltern sind wegen der Arbeit nicht zu Hause. Es ist ganz einfach: Es gibt zu viele junge Menschen, die zu wenig zu tun haben. Dies war und ist eine Stadt, der ihre Jugendlichen egal sind. Deswegen ist Graffiti überhaupt geboren worden.

Viele Graffiti-Gegner argumentieren, dass Kunstprojekte oder Gemeindezentren, in denen Jugendliche malen dürfen, sinnlos seien. Der Reiz des Graffiti liege gerade im Verbotenen.
AK: Polizei und Medien wollen das alles romantisch verklären. So eine Art Räuber und Gendarm der Großstadt. Die sagen: Diese Kids wollen kriminell sein. Aber das ist doch Unsinn. Kinder wollen gut sein, anerkannt werden. Dinge wachsen und verändern sich, und wenn Graffiti morgen legal wäre, würde es sich auch weiter entwickeln. Und außerdem: Es würde also niemand mehr Graffiti sprayen, wenn es legal wäre, weil es eigentlich nur um den Kitzel des Verbotenen geht? Alles klar, dann legalisiert es doch, und schon hättet ihr keine Probleme mehr! Diese ganze Argumentation ist unlogisch. Ich wünschte ehrlich, sie würden es legalisieren. Dann könnten sie Leute jagen, die echte Verbrechen begehen. Graffiti ist ein „big city thing“, solche Dinge passieren in Großstädten. Das einzige Problem daran ist, dass die, die es tun, ins Gefängnis gesteckt werden. Graffitigesetze sind Gesetze der herrschenden Klasse gegen eine Kunstform der Arbeiterklasse. Es geht um Unterdrückung.

Du sprichst im Zusammenhang mit Graffiti von Klassenkampf?
AK: Ja. All die Broken-Window-Theorien sind Schwachsinn. Es ist ein Konflikt der Klassen, ganz einfach. Das ist vergleichbar mit den „Rockefeller Drug Laws“. Die haben Drogenbesitz oder –verkauf fast mit Mord gleichgesetzt und trafen vor allem arme Menschen. Mit Graffiti ist es das Gleiche. Es sind Menschen aus der Mittelklasse oder Mittellose, die unter Gesetzen leiden, die von Leuten gemacht wurden, die dadurch gut aussehen wollen. Es geht dabei zum einen um Besitztum, zweitens darum, wie verschiedene Klassensysteme Gemeinschaft und Kunst begreifen.

Kannst Du das genauer erklären?
AK: Wenn man hier in meiner Nachbarschaft aus der U-Bahn steigt, gibt es überall Graffiti, und die Leute lieben es. Aber geh mal zur 68. Straße Ecke Lexington Avenue, ins West End oder nach Park Slope. In diesen wohlhabenden Vierteln wird Stadt oder Gemeinschaft nicht mehr so verstanden, wie das Menschen aus der Arbeiterklasse tun. Die Reichen wollen, dass Kunst sanktioniert ist. Sie wollen Kunst in ihren Häusern. Wenn zum Beispiel ein Graffiti auf einer Leinwand in meiner Wohnung hängt, denken die: Oh, schön, das könnte ich kaufen. Aber hier in Uptown Manhattan, in Harlem und darüber, hast Du Graffiti draußen, auf den Häuserwänden, überall. Wenn Du dann aus Downtown hierher kommst, kriegst Du gleich Angst: Uh, eine schlimme Gegend, bestimmt werden hier an jeder Ecke Drogen verkauft. Dabei ist es ganz einfach: In Vierteln wie diesem haben die Leute keine Kunst in ihren Wohnungen. Es gibt hier Leute, die verdienen 14 000 Dollar im Jahr, und die Vermieter meinen noch, so jemand könnte sich 700 Dollar Miete im Monat leisten. Deshalb wurde mit Graffiti die Kunst kostenlos nach draußen gebracht. Und die Leute hier verstehen das. Das ist wie in Los Angeles, wo es eine reiche Kultur an Street Murals gibt.

Du argumentierst sehr politisch. So stellt sich die breite Masse sicher keinen Sprayer vor.
AK: Viele von uns schaffen es nicht, eine höhere Bildung zu erhalten. Ich bin eine Kuriosität, weil ich es geschafft habe. Außerdem war ich nicht auf einer Kunstschule, sondern habe Kommunikation und Management studiert. Dort habe ich mich mit den verschiedensten Theorien auseinandergesetzt und gelernt, mich auszudrücken. Und ich habe mich entschieden, das, was ich gelernt habe, in diese Bewegung einzubringen. In der Hinsicht war face2 ein Vorbild für mich. Wir brauchen mehr solche Menschen. Ich weiß, das Klischee vom Sprayer ist das vom pöbelnden HipHop-Typen. Ich war genau so, als ich jünger war. Aber ich bin zur Schule und aufs College gegangen, das ist das ganze Geheimnis. Ich bin in einer armen Community aufgewachsen, Drogen und Verbrechen waren an der Tagesordnung. Mein Block war ok, aber die Gegend war hart. Ich wollte da raus, deswegen habe ich meine Bildung ernst genommen. Dafür habe ich mir den Arsch aufgerissen. Punkt.

Glaubst Du, dass Du eine Art Vorbild bist?
AK: Ich bin so eine Art Sprecher für diese Bewegung geworden. Aber was ich ausdrücke, fühlen viele meiner peers. Es ist bloß kaum jemand dafür ausgebildet, sich so zu artikulieren, während mein Geschäft das Reden ist. Andere Künstler bitten mich manchmal um Unterstützung. Ich bin kein Agent, aber die Leute trauen mir. So nach dem Motto: Der wird merken, ob der Deal gut ist, ob der Vertrag in Ordnung ist.

Warum ausgerechnet Du?
AK: Das Vertrauen kommt daher, dass ich auf dem Teppich geblieben bin. Die meisten anderen Writer aus meiner Generation sind jetzt wohlhabend und erfolgreich, die haben nichts mehr mit Graffiti zu tun.

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Diskussion
4 Kommentare zu “Alan Ket – „Sich auszudrücken ist ein menschliches Grundbedürfnis“”
  1. [...] Alan Ket – „Sich auszudrücken ist ein menschliches Grundbedürfnis“ » Streetart Berlin Blog (tags: Graffiti Interview) [...]

    Geschrieben von links for 2009-05-10 | Nerdcore | May 11, 2009, 07:03
  2. [...] BOMBING, graffiti, Ket, NY, OTR, RIS An interview with Alan Ket Maridueña is not so simple. from http://streetart.berlinpiraten.de/alan-ket-sich-auszudruecken-ist-ein-menschliches-grundbeduerfnis/ read the translation here Comments [...]

    Geschrieben von Alan Ket – “To express is a basic human need” « WHATYOUWRITE.COM | May 11, 2009, 18:10
  3. [...] Ket. They’ve put together an online interview with Ket. The interview was originally done in German but you can also check it out in English. Art, Graffiti, [...]

    Geschrieben von Alan Ket Graffiti Interview | Senses Lost | May 11, 2009, 19:09
  4. [...] Der STREETART BERLIN BLOG führte ein interessantes Interview mit dem bekannten New Yorker Graffiti Artist ALAN KET. Mehr… [...]

    Geschrieben von Nonstop Culture Magazine » „Sich auszudrücken ist ein menschliches Grundbedürfnis“ | June 9, 2009, 22:46

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