Welcome to the
Streetart Berlin Blog
KET on fire, by soyunloco
Ein Gespräch mit Alan Ket Maridueña ist gar nicht so einfach. Das liegt nicht an ihm: Energiegeladen, eloquent und leidenschaftlich, aber immer kontrolliert, beantwortet er bereitwillig alle Fragen. Das Problem ist sein Telefon, das ununterbrochen klingelt. Macht aber nichts. Zwischen Graffitigemälden, Stammesmasken und einem penibel sortierten Regal voller Farbdosen vor knallblauen Wänden gibt es in seiner New Yorker Wohnung genug zu schauen, während man höflich weghört. Bei einem der Telefonate fallen allerdings Worte wie Augenzeugen, Tatort und unerlaubter Zutritt. Da siegt dann doch die Neugier über die gute Erziehung.
Was war das denn gerade?
Alan Ket: Ein Anwalt aus Großbritannien wollte mich um Rat fragen. Ein Klient soll wegen Graffiti belangt werden. Meiner Meinung nach ist schon die Anklage eine Frechheit. Sie haben nichts gegen ihn in der Hand, außer ein paar Fotodateien von Graffiti auf seinem Computer. Sie haben ihn nicht mit der Dose in der Hand erwischt, es gibt keine Augenzeugen, keinen Informanten, nichts. Er hat ein paar Entwürfe zu Hause. Na und? Es gibt auf der ganzen Welt keinen Handschriftenexperten, der sagen kann, ob der Schriftzug, den man auf einem Stück Papier hat, mit dem auf der Wand übereinstimmt oder nicht. Dann ist er eben ein Enthusiast. Das macht noch keinen Writer aus ihm.
Ein Anwalt aus dem Ausland bittet um Deine Einschätzung?!
AK: Ja. Es ist unglaublich, und es ist erschreckend. Überall auf der Welt werden gegen Sprayer überzogene Anklagen erhoben. Deren Leben wird wegen so etwas völlig auf den Kopf gestellt.
Bekommst Du häufiger solche Anrufe?
AK: Zumindest seit meiner Verhandlung 2007 passiert das immer öfter. Damals sind mehrere New Yorker Bezirke gleichzeitig gegen mich vorgegangen. Die wollten ein Exempel statuieren. Das hat ziemliche mediale Aufmerksamkeit erregt, und seitdem kennt man mich. Die Leute waren geschockt, normalerweise passiert nicht so was Großes, da wird höchstens mal irgendein Kid gebustet. Die Polizei hat sich immer für mich interessiert, konnte mich aber nie drankriegen. Ich war ein Symbol für Graffitischreiber, die einen „schlechten Lifestyle“ vorleben und aus „Verbrechen“ Geld machen. Für Polizei und Staatsanwaltschaft war ich ein lästiger Störenfried.
Über den Fall wurde sogar in deutschen Mainstream-Medien berichtet. Das war eine ziemlich große Sache. Bist Du seitdem noch aktiv?
AK: Ich habe drei Jahre auf Bewährung bekommen. Ich überquere nicht mal bei Rot die Straße. Obwohl ich sehr gern Graffiti mache. Für mich war das immer eine positive Erfahrung.
New York geht aber schon länger hart gegen Graffiti vor. In der Stadt gab es die erste Anti-Graffiti-Einheit der Welt. Hast Du mit der mal Bekanntschaft gemacht?
AK: Allerdings. Ich habe diese Typen gehasst. Die Polizisten hingen in meiner Nachbarschaft rum und belästigten meine Freunde. Für mich war das Mobbing. Damals habe ich in Brooklyn gelebt, und ich erinnere mich daran, wie sie zu mir nach Hause kamen und mit meinen Eltern redeten. Das führte dazu, dass die alle meine Farben, Fotografien und Zeichnungen wegwarfen.
Hart.
AK: Meine Mutter kommt aus Cuba, mein Vater aus Ecuador. Sie sind Immigranten. Jeder Kontakt mit der Polizei war entsetzlich für sie. Für sie war das so: Wenn die Polizei vorbeikommt, ist man schon schuldig, und es ist außerdem eine Schande für die Familie. Allerdings hatte ich noch Glück. Andere wurden nicht nur festgenommen, sondern auch verprügelt. Das war allgemein bekannt und fast akzeptiert.
Ein ehemaliges Mitglied der so genannten „Vandal Squad“ hat gerade ein Buch über diese Einheit geschrieben und widerspricht solchen Vorwürfen. Und Ken Chiulli, der langjährige Chef der Truppe, sagt, dass bei 9 000 Verhaftungen unter seiner Leitung nur zwei offizielle Beschwerden wegen Polizeigewalt eingegangen seien. Die seien außerdem haltlos gewesen.
AK: Zwei Dinge. Erstens: Das Buch habe ich gelesen, und ich fand es nicht sehr tief schürfend. Es liest sich wie etwas, dass ein Highschool-Schüler geschrieben hat. Ein Teil der Polizeiarbeit mag anspruchsvolle Arbeit oder harte Arbeit auf der Straße sein. Aber der Autor dieses Buches hatte wohl nicht den größten Durchblick, er war nicht der Klügste oder Bekannteste. Mir hat das Lesen bestätigt, dass er ein Niemand im System ist.
Und zweitens?
AK: Zweitens ist das „Civil Complaint Review Board“, dass sich mit solchen Beschwerden beschäftigt, die idiotischste und undurchsichtigste Organisation, mit der man sich in dieser Stadt rumschlagen kann. Der Vorgang ist wahnsinnig und dauert ewig. Das finde sogar ich, der ich stur bin und die Nerven habe, an so etwas dran zu bleiben. Ich habe Leute gesehen, die wie Müll behandelt und gedemütigt wurden. Die Kids und die Erwachsenen, die das beobachtet haben, haben gesagt, es bringe nichts und mache alles nur noch schlimmer, sich zu beschweren. Die haben Angst vor der Bürokratie und davor, es heimgezahlt zu bekommen. Diese Menschen haben nicht das Gefühl, dass die Polizei für sie arbeitet. Im Gegenteil. Sie haben Angst vor ihr.
Irgendwie kann ich mir das im heutigen New York schwer vorstellen. Bin ich naiv?
AK: In den Siebzigern waren die Cops die Drogendealer. Damals war alles noch viel schlimmer, alle waren korrupt. Cops haben Leute umgebracht und völlig durchgeknallte Sachen abgezogen. Jetzt ist es besser, aber wir leben nach wie vor mit dieser Altlast. Wenn sich jemand über Polizeigewalt beschwert oder sogar den offiziellen Weg geht, wird er eingeschüchtert oder schikaniert. Das ist vor gar nicht langer Zeit einem Freund von mir passiert. Die sind sogar bei ihm zu Hause aufgetaucht und haben ein richtig großes Ding daraus gemacht, jeder musste sich auf den Boden legen und so. Und warum? Es gab keinen Grund. Aber er hatte eine Beschwerde laufen, also haben sie versucht, ihm Angst zu machen. So ist sie, die Polizei von New York City.
Wenn man von der U-Bahn zu Deiner Wohnung läuft, sieht man dennoch Schriftzüge von Dir. Also machst Du schon noch Graffiti?
AK: Ich wurde um diese Bilder gebeten, sie sind absolut legal. Ansonsten haben die Leute, die mich heute anstellen, mit Graffiti nichts zu tun. Ich lebe von meiner Fähigkeit, zu kommunizieren. Ein kleiner Teil dessen, was ich im Moment tue, hat mit Kunst zu tun, aber nicht unbedingt Hoher Kunst. Ich arbeite an eigenen Büchern, an Projekten für Unternehmen, ich bin Fotodirector bei einem Hochglanzmagazin. Das Letzte, woran die denken, ist Graffiti. Die beschäftigen sich eher mit 50 000-Dollar-Uhren oder dem neuesten Maserati.
[...] Alan Ket – „Sich auszudrücken ist ein menschliches Grundbedürfnis“ » Streetart Berlin Blog (tags: Graffiti Interview) [...]
[...] BOMBING, graffiti, Ket, NY, OTR, RIS An interview with Alan Ket Maridueña is not so simple. from http://streetart.berlinpiraten.de/alan-ket-sich-auszudruecken-ist-ein-menschliches-grundbeduerfnis/ read the translation here Comments [...]
[...] Ket. They’ve put together an online interview with Ket. The interview was originally done in German but you can also check it out in English. Art, Graffiti, [...]
[...] Der STREETART BERLIN BLOG führte ein interessantes Interview mit dem bekannten New Yorker Graffiti Artist ALAN KET. Mehr… [...]